Caroline Kryzecki – KSZ
Kuratiert von Angela Stief

Lotte Sonnenstein @ Kunsthandel Gril & Plantys, Seilerstätte 10, A-1010 Wien
Öffnungszeiten: 24/7 und nach telefonischer Voranmeldung (Angela Stief 0699 11081237)
Ausstellungsdauer: 18. März bis 30. April 2016


Gleich zu Beginn die Erklärung – KSZ ist ein Drei-Buchstaben-Akronym und steht für Kugelschreiberzeichnung. Der Titel der umfassenden Serie von Caroline Kryzecki, die sie mit offenem Ende 2012 begonnen hat, ist denotativ und reduktionistisch wie das Werk selbst. Das bevorzugte Darstellungsmedium der in Berlin lebenden Künstlerin (geb. 1979) ist der Kugelschreiber, den sie ausschließlich mit den im Handel geläufigsten vier Farben – blau, schwarz, rot und grün – verwendet. Daraus entstanden zunächst während eines Stipendiums in Istanbul Arbeiten im Format von 50 x 35 cm, dann welche mit 100 x 70 cm und schließlich die größte proportionale Variation mit 200 x 152 cm. Bis zu einem gewissen Grad sind Kryzeckis Zeichnungen oder besser Gemälde auf Papier ein Relikt des analogen Schreibens, kalligraphische Übungen mit dem Lineal, welche die Sinnlichkeit des Ornaments genauso wie die Akribie einer Planzeichnung zum Ausdruck bringen. Sie veranschaulichen konzeptuelle Appropriationen und Variationen einer ästhetischen Praxis, die ursprünglich aus einem Produktionsfehler hervorging, dem Moiré-Effekt. Er entsteht meistens dann, wenn maschinelle Herstellungsverfahren wie zum Beispiel beim Mehrfarben-Rasterdruck nicht perfekt verlaufen und schleicht sich als unerwünschtes Nebenprodukt in kontrollierte Arbeitsabläufe ein.
In KSZ macht Caroline Kryzecki also eine digitale Fehlfunktion zu einer analogen Produktionsmethodik und dynamisiert die Oberfläche, indem sie zwei gleiche Muster verschoben übereinanderlegt – die Wiederholung wird zum Prinzip der Abweichung innerhalb eines algorithmischen Systems. Die Idee der Phasenverschiebung, die man aus der Musik von Steve Reich kennt, wird hier als Moment der visuellen Irritation eingesetzt. Beim Betrachten der Bilder entstehen wellenförmige Bewegungen, die sich in die Dreidimensionalität auswölben und Trompe-l’œuil-Effekte erzeugen, die gerade bei den Freestyle-Arbeiten der Künstlerin zu optischen Verwirrspielen führen. Wichtiger als die Wirkung ist jedoch die Konstruktionsweise, die die Künstlerin mithilfe eines selbst entwickelten Notationssystems, sogenannten Quelltexten, insbesondere bei den komplexeren Rasterstrukturen, dokumentiert. Im eleganten Hochformat entstehen ein-, zwei-, drei- oder vierfarbige Liniengebilde mit Verdichtungen, Verläufen und Knotenpunkten. Autonome Netzwerke, die trotz ihres abstrakten Charakters stets soziale, psychologische und organische Dimensionen evozieren. Sie erinnern zudem an die optischen Experimente der kinetischen Kunst und der Op-Art und lassen etwa an Künstler wie Carlos Cruz-Diez oder Ludwig Wilding denken. Caroline Kryzecki hat in den Nullerjahren einfache, aber effiziente Mittel gefunden, die konkret-konstruktivistische Kunsttradition in die Gegenwart zu übersetzen und zieht in ihren rhizomatisch wuchernden Konfigurationen den maximalen ästhetischen Nutzen aus einem digitalen Irrtum.